10:06h, Donnerstag 02.02.2012
"Komet" in Gütersloh setzt behinderte Mitarbeiter ein
Schweißen für den Weltmarkt
Gütersloh. Funken sprühen, knappe Anweisungen hallen durch die hohe
Werkhalle. Die Sonne scheint durch das Fenster. Aber die Arbeiter haben keinen
Blick für das schöne Wetter. Einige tragen Stahlstangen in die Ecke des Raums,
in der ein Kollege mit Gesichtsschutz das Material zusammenschweißt. Mittendrin
Ralf Hoffmann, im Blaumann. Er hat alles im Blick, prüft Schweißverbindungen,
klopft einem Kollegen auf die Schulter. Der 44-Jährige ist Vorarbeiter beim
Integrationsunternehmen Komet. Es liefert vor allem Bauteile für den weltweit
agierenden Landmaschinenhersteller Claas. Komet ist eines von 85
Integrationsunternehmen, die sich am 22. März bei der LWL-Messe der
Integrationsunternehmen in der Halle Münsterland in Münster präsentieren.
Hoffmanns Karriere ist nicht gewöhnlich. Er war "ganz unten", wie er selbst
sagt, bevor er hier im Industriegebiet in Güterslohs Norden eine Chance bekam.
"Ich habe auf dem Bau gelernt und gearbeitet - und bin dort zum Alkoholiker
geworden", erzählt er. Nach einer ersten Entziehungskur, die ihm sein Chef
"aufgedrängt hatte", wie er sagt, wurde er rückfällig. "Ich wollte es selbst zu
wenig, deswegen hat das nicht funktioniert." Erst als seine damalige
Lebensgefährtin - und heutige Frau - ihn unter Druck setzte, verstand Hoffmann
selbst, warum er sein Leben in die Hand nehmen muss. "Sie drohte mir, dass ich
meinen Sohn nicht mehr sehen darf - das hat bei mir einiges bewirkt." In der
LWL-Klinik Gütersloh entzog der Alkoholsüchtige, lebte fast ein Jahr in der
Therapieeinrichtung. "Seit elf Jahren bin ich trocken. Ohne Probleme, selbst
wenn ich mal mit Freunden in die Kneipe gehe."
Geholfen hat dabei auch seine neue Karriere, die er mit einem Zuverdienstjob
beginnt - um wieder in den Beruf zu kommen. Um nicht überfordert zu werden,
arbeiten beispielsweise Suchtkranke für drei Stunden am Tag. Hoffmann ist vor
zehn Jahren zu Komet gekommen, das als Integrationsunternehmen vom
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gefördert wird. Schnell zeigte er, dass
er mehr kann und will. Nach fünf Monaten bekam er eine
sozialversicherungspflichtige Anstellung. Vor zwei Jahren ist er Vorarbeiter
geworden.
"Balanceakt"
Entwicklungen wie die von Ralf Hoffmann will Komet fördern, mit viel Einsatz und
einem Stufenkonzept, das die Mitarbeiter so einsetzt und fördert, wie es zu
ihnen passt. Das Unternehmen ist als eine Außenstelle der heutigen LWL-Klinik
Gütersloh gestartet. Deren Ärzte wurden vom damaligen Leiter Klaus Dörner, einem
Pionier der Integrationsunternehmen, aufgefordert, Unternehmen zu gründen, in
denen Suchtkranke arbeiten können. "Um wieder einen geregelten Tagesablauf zu
lernen, um Verantwortung zu übernehmen und etwas Sinnvolles zu tun", sagt
Komet-Geschäftsführer Andreas Schmelzer. "Die Patienten verließen auf diese
Weise ihr altes Umfeld und wurden seltener wieder rückfällig." 16 Zuverdiener
arbeiten heute bei Komet, hinzu kommen elf Menschen mit Behinderungen.
Andreas Schmelzer kennt sich aus in der Suchttherapie, mittlerweile. "Als ich
bei Komet einstieg, hatte ich noch keine Ahnung von psychiatrischen
Krankheitsbildern oder Sucht-Erkrankungen." Der Bauschlosser, der bei der
Landeseisenbahn gelernt hatte, startete 1996 als Vorarbeiter, wurde
Betriebsleiter und schließlich Geschäftsführer des Unternehmens.
Nebenberuflich hat er Zusatzausbildungen absolviert, deren Erkenntnisse er an
die anderen Mitarbeiter weitergibt. "Uns hilft aber auch, dass die Kollegen
untereinander solidarisch sind. Das war früher noch ein wenig anders. Da haben
sich manche auch mal angeschwärzt, wenn einer zu lange Pausen gemacht hat oder
betrunken zur Arbeit kam", erinnert sich der dreifache Vater. "Heute ist das
eher einer gegenseitigen Rücksichtnahme gewichen. Die Kollegen passen auf und
gehen aufeinander zu, wenn etwas nicht stimmt."
Schmelzer kann sich heute kaum einen anderen Job vorstellen. "Viele unserer
Mitarbeiter machen hier eine wirklich tolle Entwicklung, so dass der Sinn der
Arbeit auf der Hand liegt." Er räumt aber auch ein, dass er öfter Kompromisse
machen muss. Das Team, das zwei Mal wöchentlich von Sozialarbeitern unterstützt
wird, ist nicht so belastbar wie eine Mannschaft ganz ohne Handicaps. Der
Krankenstand ist höher, die Pausen manchmal länger als gewöhnlich. "Wir müssen
mehr Geduld haben und unsere Antennen immer offen halten; wenn wir zum Beispiel
mitbekommen, dass einer der suchtkranken Kollegen vielleicht rückfallgefährdet
ist oder einer mit psychischen Problemen wieder in ein Tief schliddert."
Diese besondere Achtsamkeit führt auch dazu, dass Schmelzer momentan ein
besonderes Augenmerk auf Jan Hannwacker legt. Der 27-Jährige, der eine
Ausbildung zum Dreher gemacht hat und mit Hilfe des Integrationsfachdienstes
Gütersloh ins Unternehmen gekommen ist, hat seit einigen Wochen Probleme,
morgens aus dem Bett zu kommen. "Ich höre einfach den Wecker nicht, auch wenn
ich früh schlafen gegangen bin", sagt der junge Mann. In anderen Firmen würde
Zuspätkommen Konsequenzen haben, bei Komet steht erst einmal die Sorge um den
Mitarbeiter im Vordergrund. "Jan Hannwacker war bei mehreren Ärzten und auch
schon im Schlaflabor. Momentan lautet die Diagnose, dass es ein neurologisches
Problem sein könnte", erklärt Schmelzer. "Wir warten nun die Untersuchungen in
Ruhe ab." Auf der anderen Seite spricht der Chef auch Klartext, wenn es keine
gesundheitlichen Gründe sind, die einen Mitarbeiter von seiner gewöhnlichen
Leistung abhalten. "Es ist immer wieder ein Balanceakt zwischen Druck rausnehmen
und Druck machen", sagt Schmelzer. "Aber das macht den Job hier auch aus und
damit so interessant."
Hintergrund
In 113 Integrationsunternehmen in Westfalen-Lippe arbeiten Menschen mit und ohne
Behinderung zusammen. Die Firmen sorgen für Inklusion im Arbeitsleben, müssen
sich auf dem freien Markt beweisen - und sind im Schnitt um die Hälfte
kostengünstiger als die Plätze in den Werkstätten für Menschen mit
Behinderungen. 85 dieser Firmen, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe
(LWL) bei ihrer Arbeit unterstützt, präsentieren sich am 22. März bei der
LWL-Messe der Integrationsunternehmen in der Halle Münsterland in Münster. Unter
dem Motto "Unternehmen tun Gutes! - inklusiv arbeiten" zeigen die Aussteller,
was sie leisten. Die Integrationsbetriebe arbeiten in Industrie, Handwerk und
Handel - mit einer erstaunlichen Vielfalt an Produkten und Dienstleistungen.
Supermärkte, Gartenbaubetriebe, Hotels, Cafés, Radstationen und ein Golfplatz
werden von Belegschaften betrieben, in denen Menschen mit Behinderungen
arbeiten. Und sogar eine Brauerei. Workshops, Vorträge und Gesprächsrunden
ergänzen die Leistungsschau. Dort können sich auch interessierte
Industrie-Unternehmen, Handwerksbetriebe und Gründer informieren, wie sie
Arbeitsplätze für Menschen mit einem Handicap schaffen können und wer ihnen
dabei hilft. Die Messe steht allen Interessierten von 9 bis 18 Uhr offen, der
Eintritt ist frei.
michael.johannsmeier
Der Beitrag wurde am Donnerstag, dem 02. Februar 2012 um 10:06 Uhr veröffentlicht und wurde unter Startseite, Lokales abgelegt.
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