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15:37h, Freitag 17.02.2012
Empfänger unbekannt:
Museumspädagogisches Programm für Schulen
15:37h, Freitag 17.02.2012
Empfänger unbekannt:
Museumspädagogisches Programm für Schulen
Kreis Paderborn. Monströse Zahlenkolonnen, die den Massenmord an Millionen von Menschen dokumentieren, können nicht annähernd so laut sein wie die Stimme eines einzelnen Menschen, der seine erschütternde Geschichte erzählt. In der Ausstellung "Verwischte Spuren. Erinnerung und Gedenken an nationalsozialistisches Unrecht in Westfalen - eine biografische Suche" des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe werden 16 solcher ergreifender Geschichten erzählt . Die Ausstellung ist noch bis zum 15. April im Burgsaal der Wewelsburg zu sehen. Spuren in Form von Biografien tragen dazu bei, Leiden und Gewalt zu verankern und bilden damit eine wichtige Säule in der Bildungsarbeit. "Aus der Aufarbeitung der Erinnerung - so schmachvoll sie auch gewesen sein mag - lässt sich am besten gegen Fehlentwicklungen der Gesellschaft steuern", hatte Kreisdirektor Heinz Köhler bei der Eröffnung gesagt. Die Pädagogen des Kreismuseums Wewelsburg haben dazu ein Programm für Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse erarbeitet, das einen neuen Zugang ermöglicht. Das Konzept besteht im Kern in einer Führung durch die Ausstellung in Kombination mit einem Besuch der neuen Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg. Im ersten Ausstellungsbereich "Verwische Spuren" werden Objekte gezeigt, deren persönliche Herkunft unbekannt ist. Zu sehen ist zum Beispiel ein von einem sowjetischen Kriegsgefangenen gebasteltes Strohkästchen oder ein auf dem Gelände eines Gefangenenlagers gefundener Löffel. Der zweite Abschnitt, die "Fundstücke", verbindet interessante Objektgeschichten mit Lebensläufen aus Westfalen. So ist die Jacke eines KZ-Häftlings aus dem KZ Niederhagen-Wewelsburg zu sehen, die nach seinem Tod 1994 in seinem Kohlenkeller gefunden wurde - er hatte sie sein Leben lang als Arbeitskleidung genutzt. Im Kapitel "Täter, Mitläufer, Zuschauer" liegt das Augenmerk auf denen, die bei Verfolgung und Vernichtung auf der Täterseite standen und in ihren Positionen unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten hatten. Der letzte Abschnitt "Leben mit der Erinnerung" verdeutlicht an verschiedenen Beispielen, wie schwierig es ist, mit der Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu leben. Im Rahmen dieses Programms wird den Schulen auch die Lesung "Empfänger unbekannt" mit den Schauspielern Johannes Hoffmann und Daniel Kozian des Theaters Paderborn- Westfälische Kammerspiele am Dienstag, den 20. März, Mittwoch, den 21. März sowie Dienstag, den 27. März angeboten. "Empfänger unbekannt" von Kressmann Taylor ist ein fiktiver Briefwechsel aus der Zeit von November 1932 bis März 1934, der die dramatische Entwicklung und den Zerfall einer Freundschaft während der Machtergreifung Hitlers erzählt. Der amerikanische Jude Max Eisenstein und der deutsche Einwanderer Martin Schulze führen in San Francisco gemeinsam eine Kunstgalerie. Die beiden Männer und ihre Familien sind eng befreundet. Bis Martin Ende 1932 nach Deutschland zurückkehrt und sich in München den neuen Machthabern unterordnet. "Es ist mir unmöglich, weiterhin einen Schriftwechsel mit einem Juden zu unterhalten, zumal ich ein öffentliches Amt übernommen habe", schreibt er im Juli 1933. Max in Kalifornien hingegen sorgt sich um seine Schwester Gisela, die nach Berlin reiste, um Theater zu spielen. Er bittet den alten Freund, sie zu beschützen. Martin verweigert jegliche Hilfe und überlässt seine einstige Geliebte der SA. Als Max davon erfährt, nimmt er auf subtile Art Rache. Der Briefwechsel zeigt auf erschütternde Weise, wie schnell Menschen innerhalb weniger Monate in den Sog eines totalitären Regimes geraten können, manipuliert und deformiert werden und nicht nur Freundschaften tragisch enden. In "Empfänger unbekannt" wird das zersetzende Gift des Nationalsozialismus erzählerisch dargestellt. Kressmann Taylor gelingt es auf wenigen Seiten, einen derartigen Spannungsbogen aufzubauen, dass der Leser bzw. Zuhörer nicht anders kann als gebannt den Schriftwechsel zu verfolgen. In einer Besprechung der New York Timer Book Review hieß es dazu: "Diese moderne Geschichte ist die Perfektion selbst. Sie ist die stärkste Anklage gegen den Nationalsozialismus, die man sich in der Literatur vorstellen kann." Die Schulangebote sind kostenlos und können ab sofort unter der 02955/7622-0 (Kreismuseum Wewelsburg) gebucht werden.
michael.johannsmeier
Der Beitrag wurde am Freitag, dem 17. Februar 2012 um 15:37 Uhr veröffentlicht und wurde unter Startseite, Lokales abgelegt.
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