17:08h, Mittwoch 15.02.2012
Zeitzeugenbefragung zur Geschichte der DDR
Mangel macht erfinderisch
Lemgo. Die Lehrerin Synke Rothe sprach als Zeitzeugin mit Schülerinnen und Schülern des Beruflichen Gymnasiums für Erziehungswissenschaften über die Geschichte der DDR. „So macht Geschichtsunterricht Spaß“, äußerte die Schülerin Paula Hübner. Die Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse des Beruflichen Gymnasiums für Erziehungswissenschaften des Lüttfeld-Berufskollegs führten im Rahmen des Faches Gesellschaftslehre mit Geschichte unter der Leitung von Dr. Herbert Jochmann ein Zeitzeugengespräch zur Geschichte der DDR. Zu diesem Anlass hatten sie Synke Rothe, Fachlehrerin am Lüttfeld-Berufskolleg, eingeladen, die anschaulich und wortreich über ihre Kindheit und Jugend im Sozialismus Auskunft gab und lebhaft über die Zeit der Maueröffnung und der Wiedervereinigung in Berlin berichtete. Ausgangspunkt für das Interesse der Schülerinnen und Schüler war ihre Auseinandersetzung mit der doppelten Staatsgründung der BRD und der DDR im Jahr 1949 und ihre Beschäftigung mit der unterschiedlichen Entwicklung, die beide deutsche Staaten bis zur Wiedervereinigung nahmen, daraus leiteten sie ihre Fragen ab. Die Schülerinnen und Schüler wollten von der Zeitzeugin beispielsweise wissen, welche Bedeutung der Mauerbau für ihre Familie hatte, wie sich die sozialistische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung auf ihren Alltag konkret auswirkte und was sie persönlich in der Zeit der Wiedervereinigung erlebte. Synke Rothe berichtete, dass sie ihre Kindheit in der Ueckermark verbrachte und zwischen 1988 und 1992 an der Humboldt-Universität in Berlin studierte. Seit 1998 ist die heutige Oberstudienrätin am Lüttfeld-Berufskolleg tätig. Ihre Kindheit auf dem Land beschrieb sie als glücklich, trotz aus heutiger Sicht vieler Einschränkungen, die ihre Familie erleben musste. Sie schilderte den Druck, den Schülerinnen und Schüler im sozialistischen System ausgesetzt waren, insbesondere, wenn sie später ein Studium aufnehmen wollten. Die Mauer ignorierte sie damals, so gut es ging, einige Reisen führten sie ins osteuropäische Ausland. In ihren Ausführungen machte Synke Rothe anschaulich, wie sich die Mangelwirtschaft auf ihren Alltag auswirkte. „Wenn es irgendwo eine Schlange vor einem Geschäft gab, dann stellte man sich erst einmal an, ohne zu wissen, was es dort zu kaufen gab“, berichtete sie. „Begehrte Produkte konnte man dann wieder im Freundeskreis gegen anderes tauschen“. Wie wertvoll eine einfache Flasche Tomatenketchup sein kann, dass konnten sich die heutigen Schülerinnen und Schüler kaum vorstellen. Zum Zeitzeugengespräch brachte die Lehrerin persönliche Dinge mit, die sie mit der DDR verbindet, beispielsweise eine Dose Malzkaffee „im nu“ oder eine Jeanstasche und einen Jeansparka, die sie als junge Studentin in der DDR selbst genährt hatte. Sie erklärte, dass in ihrer Jugendzeit „Jeans“ nicht irgendein Modestoff war, sondern ein Politikum, ein Protest gegen Einengung und ein Symbol für persönliche und politische Freiheit. Die Maueröffnung erlebte sie als intensive Zeit, aber auch als eine Phase der Verunsicherung. Ihr Ziel war es, zügig das Studium abzuschließen und sich neu zu orientieren, denn die Zeit der staatlichen Gängelung und Lenkung vorbei. „Der Zeitzeugenbesuch hat meine Ansicht gestärkt“, so der Schüler Dennis Grünwald, „dass die Bürger in der DDR kaum eine Chance hatten, sich individuell auszuleben. Ich persönlich bringe die DDR eben mit diesen negativen Aspekten in Verbindung, mit Überwachung, Persönlichkeitseinschränkung und aggressiver und kompromissloser Staatsgewalt.“ Als Reaktion hierauf gab es im Osten bei vielen Bürgern einen Rückzug ins Private und einen engen Zusammenhalt in der Familie, wie die Zeitzeugin berichtete. Heute blickt Synke Rothe mit einem humorvollen Augenzwinkern auf ihre Kindheit und Jugend in der DDR zurück. Den Schülerinnen und Schülern empfiehlt sie zum Ende ihrer Ausführungen das Ostmonopoly „Überholen ohne einzuholen“, das mit kritischer Distanz die Verhältnisse in der damaligen DDR aufs Korn nimmt und auch bei jungen Leuten von heute für heitere Würfelabende sorgen kann.
michael.johannsmeier
Der Beitrag wurde am Mittwoch, dem 15. Februar 2012 um 17:08 Uhr veröffentlicht und wurde unter Lokales, Startseite abgelegt.
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